Wie man die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern in der Musikindustrie überbrückt: ein Interview mit Andreea Magdalina

Nach einem besonders frustrierenden Meeting, in dem sie die einzige weibliche Stimme war, beschloss Andreea Magdalina zu handeln. Mit festen Glauben an die Kraft der Gemeinschaft gründete sie shesaid.so, ein weltweites Netzwerk, das es sich zum Ziel gemacht hat, Geschlechterstereotypen in der Musikwelt zu überwinden und gezielt Frauen auf ihrem Weg zu fördern. Mit ihrem Ansatz hat sie augenscheinlich einen Nerv getroffen: Was 2014 als kleine Gruppe, zusammengesetzt aus ihrem unmittelbaren Bekanntenkreis begann, ist zum internationalen Netzwerk aus 1600 Mitgliedern herangewachsen, das sich von London bis nach L.A. erstreckt.
 
andreea_1.jpgShesaid.so ist eine dieser Communitys, in der sich die Mitglieder bei jeder Gelegenheit gegenseitig unterstützen, selbst wenn sie sich im wahren Leben nicht persönlich kennen. Jeden Tag tauschen sie sich per E-Mail aus, um sich und einander über Jobangebote, Kontaktempfehlungen und Weiterbildungsmöglichkeiten zu informieren. Zudem treffen sie sich zu Veranstaltungen, etwa in monatlichen Panel-Diskussionen und Networking-Treffs in Europa und den USA, sowie in Konferenzen und Festivals, die die Arbeit von Frauen in der Musikszene fördern wollen. Als nächsten Schritt wird Andreea ein Mentoring-Programm ins Leben rufen, in dem erfahrenere shesaid.so-Teilnehmerinnen die nächste Generation mit Tipps versorgt – und somit das Diversity-Thema gleich bei der Wurzel angeht.

Wir haben uns mit Andreea getroffen, um mit ihr über die Entwicklung der Gruppe, ihre eigenen Erfahrungen in der Industrie und ihre nächsten Schritte für mehr Geschlechtergerechtigkeit in der Musikbranche zu sprechen.

Wie hat es mit shesaid.so angefangen? Hat dich eine bestimmte Erfahrung dazu inspiriert, die Gruppe zu gründen?

Den Gedanken, mich für Frauen in der Musikindustrie einzusetzen, hatte ich schon immer. Jedoch brauchte es einen konkreten Anstoß, shesaid.so ins Leben zu rufen, und das war in meinem Fall ein sehr frustrierendes Meeting mit einer hoch angesehenen Runde von britischen Medienvertretern. Ich war die einzige Frau, und zudem noch die jüngste am Tisch, und ich habe mich noch nie so klein gefühlt wie in diesem Moment. Am darauffolgenden Abend war shesaid.so geboren.

Wie hat sich die Community seit diesem Tag entwickelt?

Ich hätte mir ehrlich gesagt nicht träumen lassen, dass die Community einmal so groß werden würde, wie sie jetzt ist. Ich begann damit, Frauen, die ich von meiner Arbeit her persönlich kannte, einzuladen, das waren so ungefähr zwanzig Leute. Wir begannen, Meinungen, Kontakte und Projekte auszutauschen, eben alles, was uns dabei half, persönlich voranzukommen. Einen Monat später veranstalteten wir unser erstes Panel, und von dort an breitete es sich aus wie ein Lauffeuer. Inzwischen sind wir in über dreißig Städten vertreten, halten monatliche Abendveranstaltungen in London und L.A. ab, sowie weitere Veranstaltungen weltweit. Wir arbeiten mit ein paar der größten und wichtigsten Festivals und Konferenzen der Branche zusammen. Und die Community umfasst mittlerweile etwa 1600 Mitglieder weltweit.

Findest du, dass du deine Ziele mit shesaid.so schon erreicht hast, oder ist das für dich ein fortlaufender Prozess?

Zuerst einmal wollte ich nur, dass sich starke Frauen zusammenschließen. Leute online und offline zusammenzubringen ist extrem wirkungsvoll, und die Stärke der Vielen wird bei den Etablierten noch häufig unterschätzt. Schon als wir im Oktober 2014 unsere erste Veranstaltung abgehalten hatten, fühlte ich eine riesige positive Energie, die von den Teilnehmenden ausging. Sie haben ihrem Bekanntenkreis davon erzählt und binnen zwei Tagen hatten wir unsere Mitgliederzahl verdreifacht. Menschen so zu inspirieren, ist unbezahlbar, und ich finde, wir sind unserer ursprünglichen Identität bei allem Wachstum ziemlich gerecht geblieben.

]Erzähl mal ein bisschen was über die Community-Mitglieder: Woher kommen sie, und welchen Background haben sie?

Etwa die Hälfte kommt aus London und L.A., der Rest verteilt sich über die wichtigen Musikstädte der Welt, so wie Paris, New York, Berlin und andere. Wir würden gerne noch mehr Teilnehmer aus Asien und Südamerika hinzugewinnen, wo wir mit wenigen Ausnahmen noch keine richtige Präsenz haben. Angefangen haben wir mit einem Schwerpunkt auf weibliche Branchenmitarbeiter, zunehmend öffnen wir uns auch Künstlerinnen. Die Verteilung von Professionen, Karrierestufen, Erfahrung und Musikgenres ist recht ausgewogen.


 

Was waren deine persönlichen Highlights, was Leute angeht, die du getroffen hast, oder Verbindungen, die durch euer Wirken zustande kamen?

Für mich persönlich ist es besonders toll, wenn ich Frauen in weniger entwickelten Ländern erreichen kann. Ich habe mitbekommen, wie sich Frauen aus einem Umfeld der kulturell bedingten Repression durch uns inspiriert fühlten und bedeutende Karriereschritte unternahmen. Das geht mir richtig zu Herzen. So viele Frauen haben durch uns Jobs gefunden, haben gelernt, einen besseren Lohn für sich auszuhandeln, oder mit heiklen Situationen umzugehen. Ich kann da schwer einzelne Highlights herauspicken, weil eigentlich jede Mail, die über unser Netzwerk versandt wird, Inspiration und Entdeckungen bereithält.

Du hast zuvor drei Jahre als „Vice President of Content & Community“ für Mixcloud gearbeitet. Wie hast du den Umgang der Company mit Frauen empfunden?

Ich war tatsächlich die einzige Frau im Mixcloud-Team, aber ich habe mich dort zuhause gefühlt. Sie haben sich auch bemüht, mehr Frauen einzustellen, aber im Wesentlichen besteht das Team aus Entwicklern, und Frauen sind in Tech-Berufen halt immer noch rar gesät. Mixcloud hat ein großartiges Ethos als Firma, und als Plattform geht es ihnen wirklich um die Community.

Wie kam es zu deiner eigenen Agentur IAMJT? Inwiefern vertritt sie die Werte von shesaid.so?

IAMJT ist eine Managementagentur, die ich im Sommer 2015 mit meinem Mann gegründet habe. Wir managen derzeit keine weiblichen Künstler, aber ich nutze die Gelegenheit, um mehr über die Musikindustrie zu lernen, so wie man das nur aus der Management-Perspektive heraus kann. Dieses Wissen nutze ich, um zu verstehen, wo die Hürden und Herausforderungen für Frauen in der Branche liegen, um dann Lösungen für sie zu entwickeln, die ich über shesaid.so weitergebe. Das ist einer der Gründe, warum ich die Community auch gerne für Künstlerinnen erweitern will. Meine zwei Projekte ergänzen sich also gegenseitig.

Gibt es für dich Frauen, die herausstechen? Die Vorreiter darin sind, das weibliche Geschlecht in der Musikwelt stark zu machen?

Es gibt viele, die da bemerkenswerte Vorstöße geleistet haben. Von großen Künstlerinnen wie Björk und Erykah Badu bis hin zu Organisationen wie Discwoman und gal-dem. So eine Kämpferin und Anführerin steckt in jeder von uns. Und dank Netzwerken wie dem unseren treten sie immer stärker hervor und hinterlassen ihre Spuren.
 

 

Zu guter Letzt: Was muss noch geschehen, um Frauen in der Musikwelt, besonders in der elektronischen Musik, zu stärken? Und was steht an für shesaid.so?

Die Ungleichheit beginnt im frühen Alter. Unsere Priorität für 2017 besteht darin, Jugendförderprogramme aufzusetzen, die Heranwachsenden durch unsere Community zu Unterstützung und praktischen Erfahrungen verhelfen. Junge Frauen mit verschiedenen Hintergründen einzuladen, die in Schulen als Vorbilder für junge Mädchen fungieren, vermittelt eine einfache und starke Botschaft: Das kannst du auch! Außerdem wachsen Jungs heutzutage mit einem authentischen Weltbild der Diversität auf, so wie es sein sollte. Einer der Gründe, warum sich so wenige Frauen in Männerdomänen behaupten, ist dass sie als Mädchen mangels Unterstützung nicht das nötige Selbstbewusstsein dafür entwickelt haben. Das wollen wir ändern.

Shesaid.so ist eine kuratierte Community, deren Beitritt eine kurze Bewerbung erfordert. Um dich anzumelden, gehe auf www.shesaid.so/get-involved
 

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