Vier Überlebenstipps für Elektromusiker

Hallo Freunde, hier schreibt wieder Iftah. Unglaublich, wie schnell dieses letzte Jahr vorbeigegangen ist. Das ist bereits die zwölfte Ausgabe unserer kleinen Blog-Kolumne, und damit auch die letzte. Es hat uns viel Spaß gemacht, sie zu schreiben, und für mich war es ehrlich gesagt auch das erste Mal seit langem, dass ich was geschrieben habe, was über 128 Zeichen hinausgeht. Wir konnten ein paar Themen behandeln, die uns wirklich am Herzen lagen, etwa den Computer als Musikinstrument, wie man Livegigs angeht, Ästhetik in der Musikproduktion und viele weitere. Wie auch immer, bevor ich jetzt hier nostalgisch werde und ins Sentimentale abgleite, lassen wir den ganzen Pathos mal beiseite, ich will noch ein paar praktische Tipps geben, die mit all dem zu tun haben, was wir in den vergangenen Artikeln behandelt haben. Los geht’s:

Setze deinen Computer wie eine Band ein

Wir haben bereits über limitierende Faktoren gesprochen, und wie sie als Kreativtechnik eingesetzt werden können, sei es, wenn es darum geht, das Controller-Setup für deine Bühnenausstattung übersichtlich zu halten, oder wie du deine Produktion auf die wesentlichen Elemente reduzierst – nämlich die, die den Song wirklich ausmachen. Nun versteht mich nicht falsch, den ganz großen Budenzauber aufzufahren, kann manchmal wirklich Großartiges hervorbringen. Wir leben in fantastischen Zeiten für elektronische Musik, die technischen Voraussetzungen an Hard- und Software haben eine Demokratisierung durchgemacht und sind mittlerweile jedem zugänglich, der das notwendige Interesse aufbringt. Die meisten Computer können ohne weiteres ein Arrangement mit mehr als 64 Spuren handhaben, und wenn es geil gemacht ist, kann ich in einem Soundfeuerwerk auch richtig aufgehen. Dennoch: Kreativität und Limitierungen, das sind richtig dicke Freunde.
Was du beim Musikmachen mal versuchen solltest, ist, dich auf vier Spuren zu beschränken, aufgeteilt auf Drums, Bass, Begleitakkorde und Leadinstrumente, so wie bei einer herkömmlichen Band. Damit kannst du dich ganz auf die wichtigen Aspekte des Tracks konzentrieren, wie die Melodien und den Spannungsbogen. Selbst wenn dabei nichts herauskommt, was du als veröffentlichungsreif erachtest, schärft diese Übung regelmäßig durchgeführt deinen Sinn dafür, wie man sich aufs Wesentliche beschränkt.

Strebe Homogenität an

Nächstes Thema: Soundquellen. Ein großer Teil des Produktionsprozesses besteht darin, Sounds zu suchen – egal, ob du nun deinen Synth programmierst, an deinem modularen System rumstöpselst oder deine Sample-Librarys durchgehst. Ich persönlich habe ein zwiegespaltenes Verhältnis zu diesem Prozess. Einerseits bin ich fasziniert von seinen Möglichkeiten, andererseits finde ich das auch sehr zeitaufwändig und ablenkend. Ich möchte euch nun den Ansatz vorstellen, den ich in letzter Zeit dazu verfolgt habe. Sagen wir mal, wir wollen eine neue EP produzieren. Die lange Suche nach dem passenden Sound wird beim ersten Track unvermeidlich sein. Aber wenn wir diesen erst einmal haben, nutzen wir diese Soundquellen, um die folgenden Tracks zu produzieren. Natürlich sind Variationen immer noch möglich. Beispielsweise liebe ich den Juno 106 für seine satten analogen Padsounds, also stelle ich zu Beginn immer dasselbe Setting ein und verändere es dann während der Produktion, wie ich es brauche. Das hat zwei große Vorteile. Der erste ist wie gesagt, dass dein Kopf frei ist, sich auf die eigentliche Musik zu fokussieren, anstatt Sounds suchen zu müssen. Er zweite ist, dass die EP einen homogenen Sound bekommt, was sie „rund“, wohl durchdacht und in sich geschlossen wirken lässt. Stell es dir vor wie eine Gitarre – du kannst sie clean spielen, verzerren oder sie durch verschiedene Amps jagen, am Ende wird es immer klingen wie eine Gitarre.

Nutze deine Geräte zweckentfremdet und stell dich gegen deine Instinkte

Geben wirs zu: Jeder kommt mal an einen toten Punkt. Manchmal meinen wir beim Musikmachen, dass wir uns wiederholen und dieselben Techniken und Ideen nutzen, weil sie halt so vertraut sind.
Wie ich in einem früheren Artikel schon einmal geschrieben habe, eine Sache, die meine Kreativität in die Gänge bringt ist, meine Geräte zu missbrauchen und sie für Dinge zu nutzen, für die sie ursprünglich nicht gedacht waren. Ein aktuelles Beispiel ist, wie ich meinen Elektron „Analog Four“ ausschließlich als Drumcomputer einsetze. Da der A4 eigentlich viel mehr auf dem Kasten hat als Drumsounds, erziele ich damit einen Sound, der mit den klassischen Rhythmusmaschinen nicht zu erreichen wäre.
Es gibt immer etwas, womit du dich selbst überraschen kannst. Neulich kamen wir zum Beispiel bei einem Track einfach nicht weiter. Der erste Impuls wäre gewesen, ihn liegenzulassen und einen neuen Song zu beginnen, aber dann kamen wir auf die Idee, nur noch mittels „destructive editing“ weiterzuarbeiten, das heißt, die Undo-Funktion war tabu. Das hat uns und den Track auf eine ziemlich interessante musikalische Reise geschickt, bei der er sich immer neu und anders entwickelt hat. Das Ganze war eine der herausforderndsten, frustrierendsten und gleichzeitig spaßigsten Dinge, die ich je gemacht habe.
Üblicherweise widme ich einen Tag in der Woche dem Herumspielen mit der Technik und versuche, neue Methoden zu entwickeln.

Enjoy the silence

Das letzte Thema, das ich ansprechen will, mag vielleicht ein wenig merkwürdig klingen angesichts der Tatsache, dass es hier die ganze Zeit ums Musikmachen geht: (Trommelwirbel!) Nämlich die Fähigkeit, auch mal KEINE Musik zu machen. Wenn du ebenso wie wir schon eine Weile dabei bist, weißt du bestimmt, wie viel Herzblut und Ambition in dein Schaffen einfließt und wie süchtig es machen kann. Du verbringst Tag und Nacht im Studio, verlierst dich total in der Musik und vernachlässigst alles andere (inklusive deinem Sozialleben). Mal eine Pause zu machen, ist wichtig und kann auf verschiedene Arten auch sehr hilfreich sein. Erstens gewinnst du etwas Abstand zu dem, was du machst und kannst es später wieder mit frischem Blick betrachten – eine Fähigkeit, die verloren geht, wenn du mitten in einem intensiven Schaffensprozess steckst. Zweitens ist es förderlich für die Gesundheit. Elektro-Mucker neigen dazu, zu vereinsamen. So sehr dieser Lebensstil auch erfüllend sein mag, er kann einen auch entfremden. Die langen einsamen Stunden vor dem Computer oder deinem Maschinenpark, die konstante Lautstärke, der verschobene Tag-Nacht-Rhythmus und die wilden Partys – all das sind Faktoren, die zu physischer Erschöpfung, Stimmungsschwankungen, im Extremfall sogar zu Depressionen beitragen. Vieles wurde 2016
darüber geschrieben.

Das war also unser letzter Beitrag, und mit diesen Worten möchten wir uns bei iMusician für diese Gelegenheit bedanken, und bei euch allen für eure andauernde Unterstützung!
Wir sehen uns auf der Tanzfläche!

Skinnerbox
 

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