EDM: Wo liegt das Problem? Wohin steuert die Electronic Dance Music?

von Rhian Jones

 

Elektronische Tanzmusik (EDM/Electronic Dance Music) gehört heutzutage zum Big Business. Vor zwanzig Jahren noch mischten die DJs ihre Tracks noch in Underground-Clubs auf, mittlerweile residieren sie regelmäßig in den Hotels von Las Vegas. Namen wie Calvin Harris, Tiësto und Avicii bekommen fürs Touren, für ihre Plattenverkäufe, für ihre Endorsements und ihr Merchandise Höchstbeträge ausgezahlt.

 

EDMDJIm vergangenen Jahr führte Harris mit einem geschätzten Einkommen von 46 Millionen Dollar die Forbes-Liste der höchstbezahlten DJs der Welt an. Andernorts zieht der L.A.-Ableger des Electric Daisy Carnivals (EDC) drei Tage lang um die 400.000 Leute an und das Ultra Music Festival in Miami hat eine geschätzte Besucherzahl von über 70.000.

Ihre ersten Schritte machte die Elektronik-Szene unter Autobahnbrücken, auf Feldern und als Raves in Lagerhäusern, als Veranstalter damit begannen, Events zu organisieren, bei denen die DJs nichts anderes wollten, als eine großartige Musiknacht zu hosten. Irgendwann bekamen die Behörden Wind von alledem, woraufhin Veranstaltungsorte geschlossen, Soundsysteme beschlagnahmt und Veranstalter ins Gefängnis gesteckt wurden.

Damit die Bewegung also überlebte, war es an der Zeit, sie zu legalisieren. Veranstalter holten ihre Events in die etablierten Nachtclubs und die elektronische Tanzmusik arbeitete sich vor, wurde massentauglich und schließlich zu dem, was sie heute ist. Marken und Sponsoren sprangen mit auf und plötzlich erhielt Tiësto 10 Millionen Dollar dafür, dass er jährlich etwa 40 Gigs im Hakkasan Las Vegas im MGM Grand Hotel spielte.

 

Wie nun hat sich der wirtschaftliche Boom auf die elektronische Tanzmusikszeneausgewirkt? Sind die Riesengagen gerechtfertigt? Hat der Aufschwung dem Genre die Kultur, die Magie und den Respekt genommen? In den letzten Monaten wurde heftig über die wachsende Kluft zwischen EDM und elektronischer Musik debattiert. Kürzlich hat eine Saturday Night Live-Parodie so manchen Wissenden aufhorchen lassen. Der Sketch zeigte den Parodie-DJ Davvincii dabei, wie er sich ein Ei briet, ein Computerspiel spielte und ein Selbstporträt zeichnete, und gleichzeitig vor einer ihn anhimmelnden Menschenmasse auf einen Knopf drückte, auf dem ‚Bass‘ geschrieben stand.

In einem Interview mit Music Week  rechtfertigte Tiesto die Gage für seine Live-Auftritte mit dem „24-Stunden-Lifestyle“, den er als DJ führt. Die Musik, die er macht, sei vielmehr eine Repräsentation dessen, „wofür er steht“, als eine bewusste wirtschaftliche Entscheidung. „Ich glaube einfach, die ganze Welt hat sich verändert und Electronic Dance Music ist jetzt hundertmal beliebter, als sie es vor 10 Jahren noch war“, sagte er.

 

Vor kurzem bezeichnete der US-amerikanische DJ Seth Troxler in einem Vice-Artikel EDM-Festivals als „die besten und schlimmsten Orte der Welt“. Während eines Bühneninterviews, das sein Kollege DJ Pete Tong beim IMS im Mai mit ihm führte, äußerte Troxler seine Sorge bezüglich solcher Veranstaltungen wie Electric Daisy Carnival, die der Kultur von elektronischer Tanzmusik „keinen Respekt“ entgegenbringen würden. „Die Qualität und der Inhalt dieser Produktion ist einfach nur traurig“, sagte er. „Sie haben kein wirkliches Interesse an unserer Community und für unsere Kultur gibt es nichts Schlimmeres, als die Gedanken, die sie bei ihren Veranstaltungen heranzüchten.“

„Ein wenig erschreckt es mich, wie die Leute, die diese Events aufziehen, elektronische Musik präsentieren, Leute, die die Macht hätten, sie besser zu präsentieren.“ – Gleichwohl stammen diese Bemerkungen von einem, der seine letzte Party als ‚Big Tittie Surprise’ angekündigt hat und regelmäßig nackt in Werbevideos zu sehen ist.

 

Troxlers Scheinheiligkeit aber mal beiseitegelegt – die riesigen Festivals bergen reale Gefahren in sich. Die Kombination aus schlechten Sicherheitsbedingungen, schlechten Drogen und schlechtem Benehmen hat im Laufe der vergangenen Jahre bei der Love Parade und beim Electric Zoo bereits zu Todesfällen und Körperverletzung geführt. Wenn unzählige junge Fans sich an einem Ort versammeln, bleibt ein Risiko wohl nicht auszuschließen, wobei jedoch beispielsweise vom Time Warp Festival in Deutschland (das um die 18.000 Leute beherbergt) noch keine Todesfälle gemeldet wurden.

Time Warp wurde von Steffen Charles gegründet, man kennt das Festival als Veranstaltung von Techno-Liebhabern für Techno-Liebhaber und bis dato haben sie es geschafft, das Interesse von größeren Organisationen und Marken, die mit einsteigen wollen könnten, abzuwenden. „Wir machen jährlich keine Millionenumsätze“, sagt Charles.

“Wenn wir bei dem bleiben, was wir tun, dann wird es immer so sein, das ein/e KünstlerIn sagen kann ‚Okay, Ich [lege bei der Time Warp auf], weil es Spaß macht, für meine Freunde und weil’s gut ist für den Ruf, und vielleicht verlange ich dann ein bisschen weniger Gage, und fürs Geldverdienen gehe ich dann rüber [zu den größeren EDM-Festivals], wo ich auf Bühne Fünf spiele und wo die großen kommerziellen Headliner sind.‘ Wenn alles so weiterläuft und alle das richtige Gleichgewicht finden, dann können wir, die großen Festivals, die ManagerInnen und die KünstlerInnen alles so weiter aufrechterhalten.”

 

Dass der Overground den Underground speist, ist eine allseits beliebte Annahme. Als Antwort auf Troxlers Gezeter schrieb der holländische DJ Laidback Luke, dass der New Yorker DJ/Produzent Danny Tenaglia einmal eine Mail an seine DJ-Kollegen rausgeschickt hat, als Tiësto gerade dafür kritisiert wurde „zu Mainstream“ zu sein. Luke: „Danny sagte in etwa so etwas: ‚Tiësto ist der My First Sony der elektronischen Tanzmusik und er wird bei den Kids das Interesse für elektronische Tanzmusik wecken.‘

„Einige von ihnen werden ihren Musikgeschmack und ihren Musikappetit weiterentwickeln und man hat an mir nun mal Geschmack gefunden und damit habe ich auch kein Problem.” Für viele war Tiësto damals ihre erste Erfahrung. „Danach fangen manche von ihnen an, auch die cooleren, die Underground-Sachen gut zu finden. Ich beobachte das schon seit vielen Generationen.”

Chris Goss, den Geschäftsführer des UK-basierten Drum and Bass-Labels Hospital Records, motivierte die EDM-Explosion nur noch mehr etwas anzubieten, das sich abhebt. „2014 sind wir an dem Punkt, dass wir uns immer weiter in die Tiefen des Drum and Bass vorgraben – die sicherlich nicht mit den großen Stadionshows zu vereinbaren sein werden und ich denke, letztendlich ist das für alle Beteiligten so am besten“, erklärt er.

“Das aufzubauen und zu verkaufen bedeutet für uns mehr Arbeit, aber ich glaube, du musst auf das hören, was du im Herzen trägst, denn sonst bist du ein Trottel. Es befriedigt uns viel mehr, wenn wir versuchen zu fördern, was im Grunde eine Underground-Kunstform ist.”

 

Wie bei den meisten Genres gibt es zwei Lager. Die, die Musik machen, um Geld zu verdienen und die, die Musik machen, um ein kreatives Bedürfnis zu befriedigen. Auch wenn die Sicherheitsbedingungen bei den Großveranstaltungen nach wie vor Grund zur Sorge bereiten (wobei der neulich gegründete Verband Association for Electronic Music genau diese Thematik ganz oben auf seine Agenda gesetzt hat) – wenn tausende von jungen Leuten überzeugt von etwas sind, weil es sie glücklich macht: warum sie aufhalten und ihnen den Spaß verderben?