Zeit umzudenken – ein neues Bezahlmodell im Streaming

Zeit umzudenken – ein neues Bezahlmodell im Streaming

von Gideon Gottfried

Bezahlmodell im Streaming
Die Betreiber von Streaming-Diensten betonen stets, dass ihr Geschäftsmodell ein Umdenken in der Musikbranche erfordert: Umsätze werden über einen längeren Zeitraum generiert, nicht länger unmittelbar nach dem Release eines Albums, die Einnahmen nehmen mit steigender Nutzerschaft zu. Vielleicht ist auch an anderer Stelle ein Umdenken gefordert, nämlich was die Bezahlung der Labels und Künstler angeht. Wimp macht den Anfang.

Ein undurchsichtiger Dschungel

Über kaum ein Geschäftsmodell wird soviel spekuliert wie über Streaming, genauer gesagt, über die Deals, die Streaming-Dienste mit den Labels eingehen. Die Streaming-Dienste betonen stets, zwischen 70 und 75 Prozent der Einnahmen an die Rechteinhaber abzudrücken, was danach mit dem Geld geschieht, wisse man nicht. Wenn Künstler kaum Geld sähen, liege das an den individuellen Verträgen, die mit den Labels geschlossen worden seien.

In diese Verträge erhält man als Außenstehender selbstverständlich keinen Einblick. Dabei trägt Geheimhaltung im Internetzeitalter nicht gerade dazu bei, Gemüter zu besänftigen. Die Konsumenten wollen über alles bescheid wissen, Transparenz ist die oberste Maxime. Wenn man im Netz zum Thema Streaming recherchiert, findet man unterschiedliche Aussagen von ebenso unterschiedlichen Künstlern. Die Alteingesessenen wie Thom Yorke beispielsweise wettern gegen Deezer, Spotify und Co. Künstler wie der Radiohead-Frontmann haben sich einst eine goldene Nase mit dem Verkauf physischer CDs verdient. Sie sind es gewohnt, eine CD zu releasen und in den darauffolgenden Wochen die Verkaufserlöse zu kassieren. Kein Wunder also, dass sie mit Streaming, das als Abo-basiertes Modell Einnahmen über lange Zeiträume generiert, nicht sonderlich viel anfangen können. Umdenken ist gefordert.

Denke wie ein Newcomer

Newcomer müssen nicht umdenken. Die Zeiten physischer CD-Verkäufe neigen sich dem Ende, mancherorts schneller als anderswo – Ausnahmen bestätigen die Regel. Die meisten Nachwuchs-Acts rechnen also nicht länger damit, mit dem Verkauf von CDs Geld zu verdienen. Die meisten von ihnen wollen einfach nur von vielen Menschen gehört werden, um eine Tour auf die Beine stellen zu können, mit der sie letztendlich das nötige Kleingeld verdienen. Für diese Acts sind Streaming-Dienste einfach eine weitere Möglichkeit, sich einem Publikum zu präsentieren und Bekanntheit zu erlangen. Sie sind bereit, zu akzeptieren, dass zumindest anfangs noch nicht sonderlich hohe Beträge dabei rumkommen.

Dass sich Streaming erst langfristig auszahlt, bestätigte Ron Pope, ein unabhängiger Songwriter aus New York City. Er hat laut eigenen Angaben im Zeitraum von September 2010 bis November 2013 insgesamt 334.636 US-Dollar von Spotify erhalten, mehr als 200.000 davon allein im vergangenen Jahr. Pope ist bei einem unabhängigen Digitalvertrieb, verzichtet also auf Major-Power. Diese Tatsache untermauert Spekulationen über Abzocker-Vertrage zwischen Major-Firmen und Künstlern. Spekulationen, denen man mit etwas mehr Transparenz schnell die Brisanz nehmen könnte – oder auch nicht.

Dass Streaming den Massenmarkt erreicht hat bzw. auf dem besten Weg dorthin ist, bestreitet heute kaum noch jemand. Die Enthaltungen, also Künstler, die Streaming-Diensten ihren Katalog vorenthalten, werden auch immer weniger. Das Verständnis für dieses junge Geschäftsmodell scheint zu wachsen, nur ob sich dies auch in Verträgen zwischen Künstlern und Majors niederschlägt, weiß nur ein enger Kreis von Vertrauten.

 

Der Weg des Geldes

Ganz im Dunkeln tappt man allerdings nicht, wenn man den Weg verfolgt, den das Geld nimmt, nachdem es von den Streaming-Diensten an die Rechteinhaber, also die Künstler bzw. die Labels, ausgeschüttet wurde. Soviel ist bekannt: Das Geld landet in einem großen Topf und wird anhand der Anzahl der Streams weiter verteilt. Ob Major-Acts gegenüber Independent-Künstlern bevorzugt werden, ob sie grundsätzlich einen höheren Pro-Stream-Betrag erhalten, darüber kann wiederum nur spekuliert werden. Nur, dass die Majors enorm hohe Pauschalbeträge von den Streaming-Betreibern verlangen, eine Gebühr, um das jeweilige Repertoire überhaupt nutzen zu dürfen, ist gesichert. Aus dem Topf jedenfalls, wandert das Geld anhand der Zahl von Streams an die jeweiligen Künstler weiter – bei den Streams wiederum wird zwischen Premium-Streams, also Streams, die von zahlenden Abonnenten getätigt wurden, und werbefinanzierten Streams unterschieden. Klar ist bei diesem Modell jedoch: Wenn ich im Monat nur einen Kanye-West-Track streame, mein Nachbar dagegen 1000 Jay-Z-Tracks, dann bestimmt er, wo das meiste Geld aus dem Topf hin fließt. Wäre es nicht fairer, jeden Nutzer individuell zu betrachten? Sollte nicht mein gesamter Monatsbeitrag von 9,99 Euro an Kanye West gehen, wenn ich in dem Monat nur Kanye-West-Tracks streame? Diese Frage stellte erstmals der Streaming-Dienst WiMP und hofft damit, eine Diskussion in der Musikindustrie anzustoßen.

Laut WiMP trägt das aktuelle Bezahl-Modell im Streaming-Bereich dem qualitativen Musikkonsum – wenn beispielsweise ein Album intensiv durchgehört wird – nicht ausreichend Rechnung. Mit einem neuen Modell, bei dem die Hörgewohnheiten jedes einzelnen Streaming-Kunden für die Auszahlung entscheidend sind, könnte sich das ändern. „Was spricht dagegen, die Idee zumindest zu diskutieren?“, fragt Kjartan Slette, Head Of Strategy bei WiMP, und er fährt fort: „Wir glauben, das alternative Modell ist fair: Das, was du dir anhörst, bestimmt, wie ausbezahlt wird. Davon könnte auch Nischenmusik wie Klassik oder Jazz profitieren, Genres, die sich nicht als Hintergrundmusik eignen, sondern aktiv und qualitativ konsumiert werden. Meiner Meinung nach, sind diese Genres aktuell die Verlierer im Streaming, da sich alles um den großen Pot dreht. Die Genres, die verhältnismäßig wenig Streams generieren, generieren auch sehr wenig Umsätze. Das ist nur eine Theorie, aber sie scheint Sinn zu machen. Wir werden sehen…“

 

Zurück ins goldene Zeitalter

Laut Slette hätte das Modell, bei dem jeder User individuell berücksichtigt wird, weitere Auswirkungen: „Künstler wären motivierter, sich eine starke Fangemeinschaft aufzubauen und Hörer zu gewinnen, da sie wüssten, dass sie direkter davon profitieren als bislang. Ich halte das für ganz natürlich, dass diese Diskussion in Norwegen und Schweden angeregt wird, da das Streaming-Modell hier am etabliertesten ist. Wir sind der Meinung, an dieser Diskussion führt kein Weg vorbei, da Streaming mittlerweile einen so wichtigen Teil der Musikumsätze bildet. Kaum noch jemand stellt die Frage, ob er seine Songs auf Streaming-Diensten veröffentlichen soll oder nicht. Mittlerweile konzentrieren sich Künstler auf die Frage, wie sie das Meiste aus Streaming herausholen können.“

Und dann spricht Slette etwas aus, dass aktuell nur die Wenigsten zu träumen wagen: Dass die Umsätze auf dem Musikmarkt in einigen Jahren das Niveau der „goldenen Jahre“ erreichen könnte.  „Heute sieht es so aus, als könnten wir dieses Level wieder erreichen, vielleicht sogar überflügeln. Früher hatte man eine begrenzte Zahl von Musik, aus der man auswählen konnte. Jeder Streaming-Service hat heute mehr als 20 Millionen Tracks im Angebot. Das bedeutet: Selbst wenn wir die Umsätze der goldenen Jahre erreichen, wird der Betrag unter mehr Künstlern aufgeteilt. Ich würde sagen, dass ist eine faireres Modell als wir jemals hatten. Das bedeutet natürlich, dass jeder Künstler im Schnitt weniger verdient, dafür liegt die Wahl endlich beim Konsumenten. Ich halte das für ein demokratisches Modell.“