Ein paar grundlegende Gedanken zum Sony-Spotify-Leak

By 3 Juni 2015Allgemein

Ein paar grundlegende Gedanken zum Sony-Spotify-Leak

von Gideon Gottfried

 

Streaming spaltet die Gemüter. Eine Vielzahl von Befürwortern glaubt, dass Streaming-Dienste die Musikindustrie ein für alle Mal retten werden. Die härtesten Skeptiker sind der Meinung, Spotify, Deezer und Co. bedeuten das Ende für alle Künstler, die es nicht zur Berühmtheit bringen. Dies sind natürlich zwei Extrempositionen. Aber die Musiker-Gemeinschaft wurde in der Vergangenheit mit dermaßen wenig Information abgespeist, dass es schwierig war, die Vor- und Nachteile des Streaming-Modells einzuschätzen. Transparenz, ein wichtiges Mantra im digitalen Zeitalter, wird nur langsam von der traditionell sturen Musikbranche beherzigt (mit der Ausnahme einiger unabhängiger Unternehmen, die schon seit geraumer Zeit mit gutem Beispiel vorangehen). Dank des geleakten Vertrags zwischen Spotify und Sony Music erhielt Transparenz endlich auch in der sonst so undurchsichtigen Major-Label-Sphäre Einzug.

41 Seiten kryptischer Sprache

Das spotifycontracterste was an dem Vertrag ins Auge fällt: er ist 41 Seiten lang. Anwälte wird’s freuen. Es ist schließlich ihr Job, große Brocken komplexer Sprache zu übersetzen, die ansonsten nur für einen erlauchten Kreis einiger Weniger verständlich wären. Wieso müssen einfache Anliegen überhaupt in eine scheinbar fremde Sprache umgewandelt werden, so dass selbst die Gewährung einer Lizenz eine ganze Seite beansprucht? Es gibt Programme, die es zwei Parteien ermöglichen, online und mit ein paar Klicks einen Lizenzvertrag zu unterzeichnen. Schon klar, ein Major-Label-Vertrag deckt weitaus mehr Territorien und viel mehr Songs ab, also müssen auch die vertraglichen Bedingungen viel genauer ausgearbeitet sein. Aber 41 Seiten? Wirklich? Wir waren stets der Meinung, im Zuge der digitalen Evolution werde alles vereinfacht.

Hohe Vorabzahlungen

Der Vertrag bestätigt das am schlechtesten gehütete Geheimnis im Streaming: Spotify muss hohe Vorschüsse zahlen. Neun Millionen im ersten Jahr, 16 Millionen im zweiten, 17,5 Millionen im dritten. Sony Music verfügt über einen der wichtigsten Musikkataloge der Welt. Aber das Label wird dafür ja auch an Spotifys Umsatz beteiligt bzw. pro Stream bezahlt, je nachdem, welcher Betrag am Ende des Monats größer ist. Zudem steigt die Pro-Stream-Gebühr, falls Spotify andere Bedingungen des Vertrags nicht erfüllt und z.B. eine garantierte Abonnentenzahl nicht rechtzeitig erreicht. Nennt uns naiv, aber ist es nicht ein wenig hart, einen Geschäftspartner, mit dem man die Musikindustrie retten will, dafür zu bestrafen, dass er nicht schnell genug wächst?

Was geschieht mit dem Geld?

Diese Zahlen sagen vor allem eins aus: Spotify und all die anderen Streaming-Dienste sind ehrlich, wenn sie behaupten, das meiste ihrer Einnahmen an die Rechteinhaber weiterzuleiten. Spotify zahlte im vergangenen Jahr mehr als 880 Millionen Euro an Lizenzgebühren. Wo landet das ganze Geld? Der Vertrag zwischen Spotify und Sony Music ist nur ein Stück des Puzzles. Nun benötigen wir noch einen Vertrag zwischen einem Label und einem Künstler, der sich übers Ohr gehauen fühlt. Viele Künstler machten in der Vergangenheit keinen Hehl daraus, sich verarscht zu fühlen. Aber die meisten von ihnen richteten ihren Zorn gegen die Falschen. Die Streaming-Dienste behalten kaum genügend Geld, um ein profitables Geschäft aufzubauen. Wir behaupten nicht, dass sie Heilige sind. Über die Schwachstellen in der Bezahlstruktur haben wir in der Vergangenheit bereits gesprochen. Aber sie bemühen sich wenigstens. Jeder, der in der Musikindustrie arbeitet, behauptet, nur das Beste für die Künstler zu wollen. Was auch sonst: ohne die Künstler, hätte niemand in der Branche einen Job. Überprüfen wir also, wer seinen Worten auch Taten folgen lässt.

Spotify behauptet, den Großteil seiner Einnahmen auszuzahlen. Das wurde mittlerweile bewiesen. Sony sagt, die Vorschüsse von Spotify an seine ausübenden Künstler (recording artists) auszuzahlen. Was ist mit den Songwritern? Und wie viel leitet das Label weiter? Ein Großkonzern ist in erster Linie Aktionären verpflichtet. Doch wir sollen glauben, dass die Interessen seiner Aktivposten – Verzeihung: Künstler – im Mittelpunkt stehen. Es geht hier nicht darum, auf Major Labels herumzuhacken. Es geht einfach nur darum, festzustellen, wie Unternehmen dieser Größenordnung operieren. Das ist eine nüchterne Tatsache unserer heutigen Wirtschaft. Ein Konzern dieser Größe kann alle möglichen klangvollen Phrasen dreschen, so lange die Investoren am Ende glücklich sind. Und die aufregende, wunderbare Musikindustrie bietet eine Menge dieser wohlklingenden Floskeln: PR-Verkündungen über den „Dienst am Künstler“ und die „Mission, Menschen mit Musik zu versorgen“.

Mit der Zeit gehen

Ein Unternehmen, das wirklich am Aufbau eines Künstlers interessiert ist, würde im digitalen Zeitalter keine Gebühr mehr für Bruchschäden und Retouren verlangen. „Wem ist in letzter Zeit ein digitaler Download kaputt gegangen? Wer hat einen Stream zurückgegeben?“, fragt Horace Trubridge von der britischen Musicians Union in einem Artikel von Rhian Jones im Guardian. Ein Unternehmen, das wirklich am Aufbau eines Künstlers interessiert ist, würde einräumen, dass Vertriebskosten geschrumpft sind, und seine Vertriebsgebühr entsprechend senken. Es würde nicht abwarten, bis sich die Öffentlichkeit darüber empört, dass viele Künstler noch Vertragsbedingungen ausgesetzt sind, die aus der Epoche der CD stammen, als Vertrieb tatsächlich noch aufwändig und kostenintensiv war. Sony erhält im Rahmen des Vertrags mit Spotify sogar kostenlose Werbezeit, die der Major auch an Dritte vermieten kann. Was geschieht mit den Einsparungen und zusätzlichen Einnahmen?

Ein neues Zeitalter

Die Menschen, die in diesen riesigen Konzernen arbeiten, sind großartige Leute, die einfach nur großartige Musik veröffentlichen wollen. Und das beherrschen sie. Auch den Chefs an der Spitze kann man keinen Vorwurf machen. Ihre Entscheidungen werden von den Kräften des freien Marktes gelenkt. Wir versuchen lediglich darauf hinzuweisen, dass wir auf ein Zeitalter zusteuern, in dem etwas so wertvolles, emotionales und individuelles wie Musik nicht länger solchen Marktkräften ausgesetzt sein sollte. Kreativität blüht immer dann am stärksten auf, wenn sie mit anderen geteilt werden kann, wenn Daten frei verfügbar sind. Der Technologie-Sektor beweist das nun schon seit Jahren. In einer Zeit des musikalischen Überflusses sind Labels wichtiger denn je. Es wird einfach Zeit, dass ihre Wichtigkeit und die der Künstler ins rechte Verhältnis gerückt werden, wenn es darum geht, das Geld aufzuteilen.