Kleine Veranstaltungsorte sind vom Aussterben bedroht – doch was bedeutet das für die Musikindustrie?

 
Das Ökosystem Musikindustrie nahm traditionell in Kneipen und Clubs seinen Anfang. Orte, an denen die Festival-Headliner von morgen ihre Fähigkeiten verfeinern und eine lokale Fanbase aufbauen können, bevor es auf die großen Bühnen geht. Was also ist die Folge, wenn kleine Spielstätten vom Aussterben bedroht sind?

In Großbritannien scheint aktuell keine Woche zu vergehen, in der nicht eine weitere Schließung bekannt gegeben wird. Mitte Juli erwischte es The Troubador im Londoner Stadtteil Earls Court. Schon Bob Dylan, Jimi Hendrix, Adele und Ed Sheeran spielten dort intime Gigs. Damit ist schon bald Schluss: The Tourbador wird verkauft, weil seine Besitzer von den Einnahmen aus Live-Konzerten nicht länger überleben können.

Der ganzen Geschichte sicher nicht zuträglich waren die Lärmbeschwerden der Nachbarn. The Troubador musste seinen beliebten Garten seit 2012 bereits im 21 Uhr schließen. Der Blind Tiger Club in Brighton machte vergangenes Jahr aufgrund einer Anzeige wegen Lärmbelästigung dicht, The Roundhouse in Manchester, wo sich schon Coldplay, Muse oder die White Stripes die Ehre gaben, schloss seine Pforten im Mai.

Wer ist Schuld?

Laut mehrerer Besitzer kleiner Veranstaltungsorte in Großbritannien, sind die Gründe für die Schließungen zahlreich: Pingelige Lärmbeschwerden von Nachbarn, die erst kürzlich in neu errichtete Häuser nebenan eingezogen sind, mangelnde Bereitschaft des Publikums, Eintritt für Gigs zu bezahlen, sowie das Unvermögen, Bands zu bezahlen, weil es immer teurer wird, eine Venue zu betreiben.

Musiker, Festivals und die größeren Veranstalter machen es einem ebenfalls nicht leicht. Laut Shaun Jackson, Besitzer des Railway Inn in Leicestershire, glaubten einige junge Künstler, der schnellste Weg, um Berühmt zu werden, führe über CastingshowsDadurch werde es zunehmend schwieriger, junge Talente zu finden, die gerne vor kleinem Publikum in seinem Pub aufträten.

„Wir hatten auch Probleme mit einigen jungen Acts, die nicht gewillt scheinen”

Und er fügt hinzu: „Wir hatten auch Probleme mit einigen jungen Acts, die nicht gewillt scheinen, sich selbst zu promoten. Ein Typ machte beispielsweise Werbung für seinen Gig, indem er Fotos unserer Plakate machte und sie bei Facebook hochlud, als er hier aufkreuzte, um sich vorzubereiten, begleitet von den Worten: ,Trete heute hier auf’.“

Derweil hat die Zunahme beliebter Musikfestivals, wo man „52 Bands auf einmal“ statt „52 Gigs im Jahr“ zu sehen bekommt, das Erlebnis ersetzt, ein Konzert zu besuchen und neue Leute kennenzulernen, meint Micky Sheehan, Besitzer des Victoria Inn in Derby.

John Keenan, ein langjähriger Veranstalter aus Leeds, hat die Motivation verloren, neuen Talenten zum Durchbruch zu verhelfen. Grund dafür seien stinkreiche Veranstalter, die ihm die Acts wegschnappten, sobald sie ein bestimmtes Level erreichten – ohne, dass er für seine Vorarbeit honoriert werde. „Meine Hauptfähigkeit war es, die Einzigartigkeit eines Acts zu erkennen und ihn durch die verschiedenen Ebenen von Spielstätten aufzubauen“, so Keenan.

„Das Geschäft funktionier so nicht mehr. Sobald es danach aussieht, als könnte eine Act den Durchbruch schaffen, kaufen gut betuchte Promoter die nächste Tour auf. Die lokalen Veranstalter verlieren. Warum also sollte man die Kälber mästen, wenn ein anderer sie auf dem Markt verkauft?“

 

Der Dominoeffekt

Was also bedeutet das für die Musikindustrie? Wenn immer mehr kleine Veranstaltungsorte schließen müssen, könnte das bedeutende Folgen nach sich ziehen. Die größten Bands von heute haben ihre Karrieren vor kleinem Publikum in bescheidenen Kneipen und Clubs begonnen. Wo werden die zukünftigen Festival-Headliner ihre Live-Fähigkeiten erlernen, wenn die Orte, die das ermöglichen, verschwinden? Aus Mangel an neuen, talentierten Live-Acts, buchen Festivals irgendwann nur noch die immergleichen Bands als Headliner, ohne dem Nachwuchs eine Chance zu geben.

Man sehe sich nur einmal die jüngste Geschichte des Glastonbury-Line-ups an: The Who, Lionel Richie, Paul Weller und Patti Smith traten dieses Jahr auf der Pyramid Stage auf, 2014 waren Dolly Parton und Metallica die Stars, 2013 die Rolling Stones, Primal Scream und Elvis Costello. Auf der Liste standen natürlich auch eine Menge zeitgenössischer Künstler, die Frage ist: Wie lange ist das noch der Fall?

Heutzutage sind die meisten Musiker auf Live-Einnahmen angewiesen, um sich über Wasser zu halten, weil die Umsätze aus Musikverkäufen im Streaming-Zeitalter schrumpfen. Und der Schritt vom Amateur- zum Stadion-Act geschieht nicht von heute auf morgen, sondern verlangt eine Menge harter Arbeit. Es Sheeran, Catfish & The Bottlemen, Slaves, Enter Shikari, The 1975: allesamt Acts, die unerbittlich durch die Weltgeschichte tourten, bevor sie von den Massen überhaupt wahrgenommen wurden.

Was können wir tun?

Klar können Förderungen durch Regierungen die Zukunft kleiner Spielstätten sichern helfen, aber auch die Musiker und Besucher können eine Menge dazu beitragen. Sich einmal die Woche vom Sofa aufzuraffen, um ein wenig Live-Musik im Pub nebenan zu hören, wäre ein Anfang. Und sich nicht zu beschweren, wenn Eintritt verlangt wird (das meiste von dem Geld, wenn nicht alles, geht an die Musiker).

Was die Bands selbst betrifft: Die Besitzer der Venues wissen es enorm zu schätzen, wenn ihr Zeit investiert, Werbung für euren Gig zu machen (über die sozialen Netzwerke, Flyer sowie Einladungen an eure Familien und all ihre Freunde) und euch darüber im Klaren seid, dass es viel Zeit benötigt, sich ein einigermaßen großes Publikum zu erspielen. Die meisten Menschen, die im Musikbereich arbeiten, haben es schwer, im Jahr 2015 ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, ob das nun der Sound Engineer, Gitarrist, Frontmann oder Clubbesitzer ist. Greifen wir einander unter die Arme!