Wie man eine Portfolio-Karriere aufbaut

Wie man eine Portfolio-Karriere aufbaut

von Rhian Jones

 

protfolio

Das Internet ist ein zweischneidiges Schwert für aufstrebende Musiker. Während die digitale Revolution es Bands so günstig wie nie gemacht hat, ihre Musik an eine grosse Masse zu bringen, ist es schwierig, nicht in der Menge unterzugehen. Wie kann man also aus der Masse herausstechen? Egal ob man sich auf eigene Faust eine Anhängerschaft aufbauen und Musik herausgeben will oder von einem A&R gefunden werden will, man muss viel Arbeit leisten. Es ist nicht mehr möglich, nur an die Musik zu denken. Man muss sein eigenes Marketing-Team, PR-Guru, und Kunstabteilung sein.

 

Das Indielabel 4AD hat eine reichhaltige Geschichte mit guten Entdeckungen von interessanten Bands mit einer starken Identität hinter sich. Der kanadische Musiker Grimes und das europäische Rocktrio Daughter sind herausragende Zugänge zu ihren Reihen in den letzten Jahren. Wenn er darüber spricht, was er in neuen Künstlern sehen will, sagt der Chef des Labels Simon Halliday, dass eine DIY-Haltung wichtig ist. „Ich bin immer beeindruckt, wenn ein Künstler schon einige Arbeit geleistet hat. Er muss die Musik mehr wollen als das Label. Es sollte ihn nicht kümmern, was ich denke,“ erklärt er.

Head of Business & Creative Affairs/A&R bei RCA Label Group Peter McGaughrin stimmt dieser Aussage zu. Er nahm die dänische Musikerin Mø bei Sony unter Vertrag, nachdem er ein selbstgemachtes Video gesehen hatte, welches sie ins Internet gestellt hatte. Das Video zeigt die Musikerin singed mit Kopfhörern in ihrem Schlafzimmer, zusammengeschnitten mit Animationen und Artwork. RCA verliebten sich in das selbst erschaffene Video, flogen nach New York, um Mø  live spielen zu sehen und verfolgten sie dann durch ganz Skandinavien, um sie zu überzeugen, dass ihr Label die besten Leute für eine Zusammenarbeit sind. „Ich denke nicht, dass wir uns all die Mühe gemacht hätten, wenn wir nicht in ihrem YouTube Video ihre kreative Vision und Selbstbestimmung gesehen hätten,“ sagt McGaughrin.

 

Was ist dein USP (Unique Selling Proposition)?

Das Wichtigste zuerst: Deine Zuhörer müssen wissen, um was es bei dir geht, um sich eine Meinung zu formen. Was hebt dich von der Masse ab? Was macht dich dich? Was gibt einer Band ihre Identität? Was sind deine Leidenschaften? Was magst du nicht? Seid ihr eine politische Band? Oder seid ihr eine ironische Kaugummi-Pop Band? Was auch immer es sein mag: das ist dein Ausgangspunkt. Rizzle Kicks, zum Beispiel, sind ein Nichen-Rap-Act aus Brighton mit sehr viel Sinn für Ironie. Mariah Carey ist eine US RnB Pop-Prinzessin, die für ihre Divenattitüde und ihre „Belting“-Stimme bekannt ist. Grimes ist ein Genre-verwehrender vegetarischer Rebell, der einst auf einem selbstgebastelten Hausboot mit zwanzig Hühnern und zehn Kilo Kartoffeln den Mississipi herunter segelte. Du aber kannst niemand von diesen sein – alles schon vergeben. Grabe tief, und du wirst deine eigene Geschichte finden. Sie muss nicht übertrieben ausserordentlich sein. Sie muss nur wahr sein. Sobald du gefunden hast, was dich speziell macht:

– Denke an deine Zuhörer. Wer werden diese wohl sein? Ein Teil der Generation YouTube oder Vinyl-Liebhaber? Diese Fragen entscheiden, wie du sie erreichst – Twitter, Facebook, old school Gigs im Plattenladen, YouTube Videos, Soundcloud… die Möglichkeiten sind grenzenlos, und du musst entscheiden, was für dich am Besten funktioniert.

– Falls du es noch nicht gemacht hast, musst du einen Namen wählen. Stelle sicher, dass er einfach gegoogelt werden kann und es nicht schon fünf andere Bands mit dem selben Namen gibt. Du kannst auch ruhig etwas aussergwöhnliches nehmen, um die Suchmaschinenoptimierung zu erleichtern. Wenn die schottische Band Chvrches das ‚u‘ nicht mit einem ‚v‘ in ihrem Namen ersetzt hätten, würden ihre Fans Bilder von Sakralbauten betrachten, statt ihre Lieblingsband besser kennenzulernen. Du solltest deinen Name nicht nach etwas bekanntem oder berühmten wählen. Wenn es trotzdem sein muss, ändere den Namen ab.

 

Eine Onlinepräsenz aufbauen  

Deine Onlinepräsenz muss einfach erreichbar und klar gestaltet sein. Es ist nicht so schwierig sich eine Webseite zu bauen. Noch einfacher wird es, wenn du einen designbegabten Freund hast, der dir für einige Biere mit seinen Fähigkeiten aushelfen kann. Moonfruit.com ist dafür eine gute Option, und eine URL kostet etwa 15.00 Euro im Jahr. Alternativ sind Tumblr und WordPress gute Gratisoptionen und sind sehr einfach zu verwalten. Oder du kannst dir einfach ein Soundcloud Profil erstellen. Stelle sicher, dass deine Webseite oder dein Soundcloud Profil klar in deiner Twitter-Biographie verlinkt ist. Schaue doch mal beim Twitter-Profil des aufstrebenden Londoner Sängers Max Marshall für eine Prise Inspiration vorbei.

Nachdem du deine Webseiten fertiggestellt hast, musst du eine Anhängerschaft aufbauen. Hier kommt das „Kenne deine Zuhörerinnen“ ins Spiel. Wenn du Musik für junge Menschen in ihren Zwanzigern machst, die gerne [setz hier irgendeinen Künstlernamen ein] hören, folge ihren Followern auf Twitter und hoffe, dass sie dich bemerken und sich deine Musik auf deinem Profil anhören. Mach sicher, dass du regelmässig kommunizierst; niemand wird an etwas interessiert sein, das nicht lebendig aussieht. Poste regelmässig Updates, Tracks, Videos, Songtexte und/oder Blogeinträge, und tausche dich mit Leuten aus. Sprechen die Leute mit dir? Sprich zurück. Deine Fans sind deine Freunde.

 

Demos und YouTube Videos

Heute musst du dank erschwinglichen, qualitativ hochwertigen Aufnahmegeräten keine Studiozeit für dein erstes Demo buchen. iMusician hat eine grossartige Anleitung, wie man sich ein günstiges Heimstudio baut erstellt. Es gibt keine Entschuldigung dafür, schlechte Liveaufnahmen auf dein Profil hochzuladen. Jen Long von BBC Radio One, die zusammen mit Ally McCrae die Sendung „Introducing“ moderiert, welche jede Woche unentdeckte Musiker ohne Vertrag, die noch unter dem Radar sind vorstellt, erstellt jede Woche eine Playlist für ihre Sendung. Wenn sie die Demos hört, weiss sie noch nichts über die Bands – sie schaut kein Bild, keine Hintergrundinformation und keinen Namen an – so bleibt die Qualität der Musik ein integraler Bestandteil des Prozesses.

„Innert etwa 20 Sekunden kannst du sagen, ob etwas deine Aufmerksamkeit erregt. Hört es sich anders an als Dinge, die wir schon einmal gespielt haben? Wie ist die Qualität? Was ist ihre Identität. Der Gesang ist auch äusserst wichtig—es kann den Sound machen oder zerstören“, erklärt sie. BBC Radio One—eine der grössten Stationen Grossbritanniens, die laut den letzten Rajar-Zahlen eine Zuhörerschaft von 10.7 Millionen hat—spielt keine Liveaufnahmen, die nicht von der entsprechenden Abteilung der Station aufgezeichnet wurden. „Wenn man ein Mikrophon neben die Bühne stellt und alles gleichzeitig aufnimmt, tönt das in der Regel unglaublich schlecht,“ sagt Long.

Das Liverpooler Quartett Circa Waves, zum Beispiel, wurden entdeckt weil sie eine gute Demo eingesandt hatten. Jetzt sind sie bei Virgin EMI unter Vertrag und bekommen eine Menge Spielzeit vom BBC „tastemaker“ Zane Lowe. Die Band hat Long via Facebook ein Demo geschickt, das sie in ihrem Schlafzimmer aufgezeichnet hatten. „Es war ein sehr rauhes  Demo, aber der Song und der eingängige Refrain hatten das gewisse Etwas. Ich liebte es“, erklärt sie. Mit über einer Milliarde einzigartigen Besuchern pro Monat ist YouTube mehr denn je eine wichtige Plattform für aufsteigende Bands. Island Records Director of A&R Nick Hugget sagt, dass er etwa 50-75% seiner wöchentlichen pitching Diskussionen auf YouTube verbringt. „Wahrscheinlich hören oder sehen wir dort etwas zum ersten Mal“, erklärt er. „YouTube ist sehr nützlich, weil man sowohl musikalisch als auch visuell einen Eindruck erhält.“

So hat Hugget auch Rizzle Kicks entdeckt, die bei  Island unter Vertrag genommen wurden, nachdem sie Cover-Versionen von Tracks von Lily Allen, the White Stripes, Arctic Monkeys und M.I.A online gestellt hatten. „So wie sie herüberkamen und der Fakt, dass sie es selber gemacht hatten; es hatte eine selbstgemachte Ästhetik und gab dennoch ein sehr klares Bild davon ab, wer sie waren. Es war das erste Mal, dass ich ein Video sah, welches mir sofort das Gefühl gab, jemanden sofort unter Vertrag nehmen zu müssen“, sagt er. Einen visuellen Aspekt zur Musik zu haben zeigt, dass Musiker einen Richtungssinn haben und authentisch sind. Beides sind Dinge, die einem mit einer musikkaufenden Öffentlichkeit verbindet und Labels willig macht zu investieren.